Daten sind die neue Währung

Wir bezahlen kostenlose digitale Angebote wie Facebook, Whatsapp oder Smartphone-Apps mit einem hohen Gut: unseren Daten. Was das bedeutet, erläutert Peter Schaar, Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationssicherheit a.D.

Der ganze Gastbeitrag von Peter Schaar steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung.

Gastbeitrag von Peter Schaar: Daten sind die neue Währung

Eine der größten Attraktionen der Internationalen Hygieneausstellung 1930 in Leipzig war der „gläserne Mensch“, eine durchsichtige Kunststoffplastik, die den Blick auf die inneren Organe des Menschen ermöglichte. Wenn jetzt vom „gläsernen Menschen“ die Rede ist, dann im Sinne einer Rundumüberwachung durch staatliche Stellen und durch Unternehmen. Die Einblicke Dritter in unser Inneres gehen dabei bisweilen weiter als bei dem Kunststoffmodell.

„Daten fallen vielfach an, ohne dass es den Betroffenen bewusst ist.“

Anders als die Physis des Menschen hat sich unser Umfeld in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Und die Veränderung geht weiter - mit zunehmendem Tempo. Heute hinterlassen nicht nur diejenigen, die sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen können oder täglich stundenlang im Internet surfen, immer längere Datenspuren. Die Daten fallen vielfach an, ohne dass es den Betroffenen bewusst ist. Die Datensammler sind längst in unseren Alltag eingesickert, ohne dass wir dies zur Kenntnis genommen haben.

„Jede Aktivität im Internet hinterlässt Spuren“

Fast jeder rechnet heute damit, dass jede Aktivität im Internet Spuren hinterlässt und vielen ist bewusst, dass das Handy unseren Aufenthaltsort ausplaudert. Aber dass unser Auto immer mehr Daten sammelt und die Informationen über unseren Fahrstil demnächst an die Versicherung und vielleicht ans Finanzamt weiterleiten könnte, ist weniger bekannt. Und an die Videokameras an allen möglichen und unmöglichen Orten haben wir uns fast gewöhnt. Dass die Überwachungssysteme allerdings zunehmend die Bilder auswerten und Personen anhand ihres Gesichts identifizieren können, wissen die wenigsten.

Es ist kaum zu bezweifeln: Niemand kann sich der Digitalisierung entziehen, selbst wenn er weder Computer noch Smartphone nutzt. Wahr ist aber auch: Obwohl wir heute jeden Tag ungeheure Mengen digitaler Daten produzieren, reagieren die meisten Menschen auf die damit einhergehenden Gefahren eher gleichgültig. Eine Mischung aus Verdrängung und Resignation. Datenschutz? Darum sollen sich doch die Datenschutzbehörden oder die betrieblichen Datenschutzbeauftragten kümmern, die werden schließlich dafür bezahlt! Und immer noch hören wir häufig den dummen Satz: „Ich habe doch nichts zu verbergen!“ Facebook ändert seine Nutzungsbedingungen und schaut uns beim Surfen über die Schulter? Na wenn schon! Die NSA liest unsere E-Mails mit? Der amerikanische Geheimdienst interessiert sich doch nicht für mich! Vorratsdatenspeicherung? Davor haben doch nur Kriminelle und Terroristen Angst!

„Gefahren drohen nicht nur von Kriminellen und Cyberterroristen.“

Es ist zu befürchten, dass wir diese Ignoranz teuer bezahlen müssen. Viele werden sich demnächst Vorwürfe machen, warum sie sich nicht rechtzeitig um ihren digitalen Schatten gekümmert haben. Gefahren drohen nicht nur von Kriminellen und Cyberterroristen. Schmerzhaft wird es auch dann, wenn ich sehr viel mehr Zinsen zahlen muss als die Nachbarin, obwohl ich doch bisher alle Kredite zurückgezahlt habe.

Andererseits möchten die Wenigsten auf die Bequemlichkeiten verzichten, die es ohne Technik nicht geben würde: Computerspiele, Internet, Navigationssysteme, elektronisches Bestellen und Bezahlen und vieles mehr. Und die Geschäftsmodelle von Google, Facebook & Co. haben uns daran gewöhnt, dass wir selbst für hochwertige Leistungen und Informationen kein Geld zahlen müssen.

„Auch im Internet gilt der Satz: Nichts ist umsonst!“

Aber auch im Internet gilt der Satz: Nichts ist umsonst! Selbstverständlich bezahlen wir für die „kostenlosen“ Dienste – aber die Währung sind unsere Daten. Die Nutzer finanzieren die „kostenlosen“ Angebote indirekt, indem sie umfassend in ihrem Verhalten, ihren Interessen und persönlichen Eigenschaften registriert und bewertet werden. Die so gewonnenen Persönlichkeitsprofile sind nicht nur die Grundlage für maßgeschneiderte Werbebotschaften, sondern zunehmend auch für alltägliche Entscheidungen, etwa darüber, wer wie lange in einer telefonischen Warteschleife zu verharren hat oder wer einen Mietvertrag bekommt.

„Die großen Datensammler wissen alles über ihre Nutzer.“

Big Data kann neues Wissen hervorbringen – wie in der Epidemiologie oder im Verkehrswesen – aber die Kenntnisse sind ungleich verteilt. Die großen privatwirtschaftlichen und staatlichen Datensammler wissen alles über die Nutzer, aber sie hüten ihren Datenschatz wie einen Augapfel. Wer von ihnen, die doch alles über uns wissen wollen und vieles erfahren, umfassende Transparenz fordert, dem werden allzu häufig Staats- und Geschäftsgeheimnisse entgegengehalten.

„Wir können darauf einwirken, wie unser Leben in Zukunft aussehen wird.“

Der Weg in die digitale Gesellschaft ist unumkehrbar. Und trotzdem können wir darauf einwirken, wie unser Leben in Zukunft aussehen wird. Hätte man vor 150 Jahren der Industrialisierung freien Lauf gelassen, gäbe es bei uns immer noch Kinderarbeit und Arbeitsschutz wäre ein Fremdwort. Und der Umweltschutz wird heute nur deshalb sehr viel ernster genommen, weil sich viele Menschen dafür eingesetzt haben. Genau so müssen wir uns für eine demokratische, menschenfreundliche Gestaltung der Informationsgesellschaft stark machen.

Viele schrecken angesichts der Größe der Aufgabe davor zurück. Dazu möchte ich an den Satz des großen chinesischen Gelehrten Konfuzius erinnern: „Jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt“: Privatsphäre ernst nehmen, nachfragen, technische Schutzmöglichkeiten nutzen – angesichts der Herausforderungen erscheint dies nicht viel. Aber selbst kleinste eigene Schritte tragen zu dem notwendigen Stimmungs- und Meinungswandel bei.

„Die Informations­gesellschaft lebt von engagierten Bürgern.“

Gleichgültigkeit, Lethargie und Resignation sind das letzte, was wir brauchen. Auch die Informationsgesellschaft lebt von engagierten Bürgern, die sich auskennen und sich einsetzen. Die neuen Technologien erleichtern es, sich bürgerschaftlich zu vernetzen, Informationen öffentlich zu machen und Diskussionen anzustoßen. Deshalb wäre es auch nicht richtig, die Diskussion über die digitale Zukunft einigen wenigen Spezialisten zu überlassen: Informatikern, Nerds oder Juristen. Vor allem aber dürfen wir nicht dem Irrtum erliegen, der „gläserne Mensch“ in einer vollständig überwachten Gesellschaft sei ein unbeeinflussbares Schicksal. Peter Schaar