Interview mit Sascha Lobo: Zukunft der digitalen Welten

"Es geht weit über den gläsernen Bürger hinaus"

Sascha Lobo, Deutschlands bekanntester Blogger und Internet-Experte, war Hauptredner unseres 15. Continentale PKV-Forums und referierte zum Thema „Zukunft und Trends der digitalen Welt“. Am Rande der Veranstaltung wurde mit ihm gesprochen.

Das ganze Interview mit dem Internet-Experten Sascha Lobo steht Ihnen hier zum Download bereit. 

Interview mit Sascha Lobo: "Es geht weit über den gläsernen Versicherten hinaus"

  • Herr Lobo, ist die folgende These richtig: Den gläsernen Menschen gibt es theoretisch schon, nur praktisch nicht?
    Sascha Lobo: 
    Das trifft es ziemlich genau. Die Datenmengen, die heute von nahezu allen Mensch verfügbar sind, gehen noch weit über das hinaus, was man mit „gläsernen Bürger“ verbindet. Allein Facebook birgt ungeahnte Möglichkeiten. Ein Beispiel: Tests zeigen, dass heute schon Job-Bewerber durch die Auswertung ihres Facebook-Profils signifikant besser analysiert werden als in dreitägigen Assessment-Centern. Dazu kommt Facebooks schiere Macht. Das Netzwerk ist gigantisch: Es wird intensiver genutzt als die 100 größten Websites zusammen.

    „Die Geschichte lehrt, dass vorhandene Daten immer irgendwann genutzt werden.“

    Die riesigen Datenströme im Netz werden aber noch nicht zentral von einzelnen Marktteilnehmern oder Institutionen ausgewertet. Die Geschichte lehrt allerdings, dass immer dann, wenn Daten vorhanden sind, früher oder später jemand auf die Idee kommt, sie auch zu benutzen.

Und das Internet vergisst nichts, oder?
Auch im Internet kann etwas verschwinden. Ich würde eher sagen, dass die eingespeisten Daten irgendwann ganz überraschende Folgen haben können. Und das ist noch sehr viel weitreichender. Denn heute werden bewusst Daten gesammelt, von denen die Big Data-Unternehmen noch gar nicht wissen, wie und für was sie sie benutzen werden. Da ist für mich ein ganz wichtiger, zentraler Punkt. Ein Unternehmen wie Face­book wird natürlich immer sagen: „Wir benutzen die Informationen nur zum Allerbesten unserer Nutzer“. Aber die Frage ist, ob das so bleibt. Mindestens genauso wichtig ist der Aspekt der zukünftigen Auswertungsmöglichkeiten. Vielleicht lassen die Daten auf einmal ziemlich genaue Rückschlüsse zu, von denen wir gar nicht wollen, dass sie Facebook ziehen kann oder jemand anders, der dann die Daten hat. Insofern muss man immer berücksichtigen: In unseren Daten ist auch das enthalten, was wir eigentlich nie herausgeben wollten. Und man darf nicht davon ausgehen, dass Informationen, die irgendwo gespeichert sind, in den richtigen Händen bleiben. Es kann der Zeitpunkt kommen, an dem sie von den denkbar falschesten Leuten gekapert werden.
Oder Facebook verkauft sie.
Das ist ein häufiges Missverständnis. Man kann bei Facebook keine Daten kaufen, man kann nur den Zugang zu bestimmten Menschen kaufen. Bei Google ist das relativ ähnlich. Der Punkt, der tatsächlich entscheidend ist, ist der der Weltperspektive dieser Unternehmen. Dabei kann man durchaus anfangen, sich zu sorgen. Denn Facebook und Google haben sich selbst den Auftrag gegeben: „Wir wollen die Welt verbessern.“ Nur, auf welche Weise? Was verstehen sie unter einer besseren Welt? Insofern ist das, was jeden Tag im Gang ist, eine Verhandlung: Wie stellen wir uns eine digitale Gesellschaft vor, die in unsere Perspektive passt und nicht nur in die von Google?
Was würde passieren, wenn in diesem Moment alle Daten, die wir bewusst oder unbewusst im Netz hinterlassen haben, verknüpft würden?
Das hieße: Wann immer man in die digitale Welt geht, ist man nicht mehr ein anonymer Nutzer, sondern eine ganz bestimmte Person. Und der ordne ich dann immer mehr Daten zu. Zum Beispiel: Was hat sie mit ihrer Kreditkarte für Lebensmittel gekauft? Google arbeitet an einer App, mit der man fotografierte Lebensmittel oder Gerichte auf Kalorien prüfen kann. Schließlich liegt es im Trend, Fotos seines Frühstücks oder Mittagessens zu posten.

„Irgendwann weiß ich genug, um im Internet individuell berechnete Preise zu bieten.“

Irgendwann weiß ich genug, um dem Nutzer im Internet beispielsweise nur noch die Dinge anzuzeigen, die zu seinem Profil passen und zwar zu dem Preis, den ich ganz individuell für ihn berechnet habe. Das passiert übrigens meist nicht unbedingt zum Vorteil der Nutzer, um es mal vorsichtig zu sagen. Von den Fehlern, die dabei passieren, mal ganz abgesehen.

Was für Fehler meinen Sie?
Beispielsweise Fehler in den Algorithmen. Wer soll das denn überprüfen können? Hier ein reales Beispiel: Ein Freund von mir hat bei einer amerikanischen Firma eine Genanalyse durchführen lassen. Das Ergebnis: Er werde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten zwei Jahre an einer Erbkrankheit sterben. Als begabter Programmierer mit viel Zeit hat er allerdings den Auswertungsweg der Firma herausgearbeitet und stellte zu seiner Erleichterung fest: Sie hatten sich schlichtweg verrechnet.
Aber müssten solche Fehler nicht die Unternehmen aufschrecken?
Die Datenwirtschaft vertritt eine neue, sehr überhebliche Welthaltung: Man kann alles berechnen, wenn man nur genug Daten hat – mit der Anmaßung, man könne tatsächlich mit mehr und mehr Daten auch Menschen bis ins Tiefste hinein berechnen. Korrelation geht dabei vor Kausalität. Das heißt, es reicht, wenn die Datenlage ein Muster erkennen lässt. Den Grund will niemand mehr wissen. Ich halte das für Quatsch, aber diese Haltung ist derzeit sehr, sehr erfolgreich und zwar natürlich auch am Gesundheitsmarkt.
Warum sprechen Sie den Gesundheitsmarkt an?
Weil der Gesundheitsmarkt vor einem digitalen Tsunami steht. Gesundheit ist ein digitaler Lebensstil. Allein dadurch, dass mit dem Smartphone und hunderten anderen Geräten eine Vielzahl von Sensoren in den normalen Alltag kommen, kann ich jetzt Dinge messen und damit Daten produzieren, die ich vorher gar nicht hätte haben können. Wer konnte denn vor 15 Jahren im Minutentakt seinen Puls nehmen und daraus ein umfassendes Puls- und Herzschlagprofil erstellen – und zwar ohne große zusätzliche Kosten? Heute ist das eine Grundfunktion von vielen Fitness-Trackern.

„Smartphones und hunderte andere Geräte bringen eine Vielzahl von Sensoren in den Alltag.“

Sollte man also auf Gesundheitsapps und Fitness­armbänder grundsätzlich verzichten?
Fitnessapps und andere Anwendungen sind nicht automatisch böse. Man muss sich nur sehr genau überlegen: Wie verwende ich sie? Was passiert mit den Daten? Und: Habe ich die Möglichkeit, die Daten, die da über mich gespeichert und generiert werden, so zu kontrollieren, dass sie später nicht zu meinem Nachteil verwendet werden? Ein Beispiel: Warum wohl denken in den Vereinigten Staaten schon Unternehmen daran, allen Mitarbeitern eine Apple Watch samt Gesundheitsapp zu schenken? Vor allem wenn sie wissen, dass sie über Bewegungsprofile zum Beispiel herausfinden könnten, ob ein Mitarbeiter tatsächlich krank ist oder nicht?
Was sollte Ihrer Meinung gegen solche Entwicklungen getan werden?
Wir müssen jetzt versuchen, den Fortschritt zu lenken, damit er nicht ungesteuert auf die Gesellschaft aufprallt. Dafür braucht man einen gesellschaftlichen Diskurs und es ist vor allem eine politische Aufgabe. Und auch die Aufgabe von Verbänden, von einzelnen Branchen, sich zusammenzusetzen und zu fragen: Bis zu welchem Punkt ist dieser Fortschritt sinnvoll? Und wie benutzen wir ihn? Das gilt vor allem für die Gesundheitswirtschaft, denn der Bereich hat die größtmöglichen Auswirkungen auf das Leben. Nirgendwo trifft es mich direkter. Diskussionen – und vor allem Datenschutz­regelungen, die auch konsequent durchgesetzt werden – sind deshalb überfällig. Zumal die theoretisch möglichen Entwicklungen zu Überwerfungen führen können.
Was meinen Sie damit?
Big Data-Unternehmen werden als nächstes versuchen, im großen Gesundheitsmarkt Fuß zu fassen. Ich glaube aber kaum, dass man es allein amerikanischen Aktionären überlassen sollte, wie unsere Versicherungs- und Gesundheitswirtschaft in den nächsten Jahren ausgerollt wird. Wenn die Datenmacht irgendwann so groß ist, dass Google mit Sicherheit sagen kann, ob eine private Krankenversicherung mit bestimmten Personen Geld verdient oder nicht, wird das Thema auch in unserem sehr ethisch geprägten System nicht mehr zu umgehen sein. Gestatten wir dann Google, den Gesundheitsmarkt ganz anders aufzusplitten? Ich glaube, dass es wichtig ist, sich damit rechtzeitig zu beschäftigen. Ohne die Konzerne zu dämonisieren, müssen wir auch auf politischer Ebene quasi die positiven Anteile raussortieren und die negativen Bereiche so klein wie möglich halten. Hört sich banal an, ist aber eine Herkulesaufgabe.
Was kann man denn als Einzelner tun?
Ganz konkret sollte man versuchen zu begreifen, wie riesig der Einfluss der digital vernetzen Welt auf das eigene Leben ist, selbst, wenn man glaubt, man nimmt ja nicht so richtig am Internet teil. Tatsächlich ist von Patientendaten über Bezahldaten eine Vielzahl von Daten auch von denjenigen im Netz, die denken, nicht in sozialen Netzwerken dabei zu sein. Der direkte zweite Schritt wäre, sich zu informieren. Zum Beispiel wenn ich Apps auf mein Handy lade. Im dritten Schritt gilt es zu entscheiden: „Was davon finde ich gut, was finde ich schlecht?“ Und in dem Moment, in dem ich irgendeine Tatsache so schlecht finde, dass ich sie nicht hinnehmen möchte, hilft es, aktiv zu werden – einen Blog schreiben oder in die Sprechstunde eines Bundestagsabgeordneten gehen. Und, ja: Wenn das nur einer macht, ist das nicht so wild. Aber wenn es einige hundert sind, hat das eine enorme Wirkung. Also: Erst begreifen, dann informieren, dann handeln. Das ist ein Weg, der jedem offen steht.