PKV-Forum 2015: Digitalisierung und Niedrigzinsphase - Auswirkungen auf die PKV

Veranstaltung am 8. September 2015 im Kölner Gürzenich

 

"Sind wir auf dem Weg zum gläsernen Versicherten?“ und „Was bedeuten die niedrigen Zinsen für die PKV?“ – hochaktuelle Fragen, zu denen die knapp 1.000 Besucher des 15. Continentale PKV-Forums im Kölner Gürzenich Antworten in einem spannenden Programm bekamen.

Programm am Vormittag: Digitalisierung - der Weg zum gläsernen Versicherten? 
  • Eröffnungsrede
    Sascha Lobo (Autor, Journalist und Blogger)
  • Podiumsdiskussion
    - Dr. Christoph Helmich (Vorstandsvorsitzender des Continentale Versicherungsverbundes)
    - Dr. Pablo Mentzinis (Bereichsleiter Public Sector Bitkom)
    - Sascha Lobo
    - Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery (Präsident der Bundesärztekammer)
    - Peter Schaar (Bundesdatenschutzbeauftragter a.D., Vorstandsvorsitzender der Europäischen Akademie für 
      Informationsfreiheit und Datenschutz)
Programm am Nachmittag: Die PKV in der Niedrigzinsphase - Auswirkungen auf Vertrieb und Kunden 
  • Impulsvortrag
    Tim Ockenga (Leiter Kapitalanlagen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.)
  • Interview
    Dr. Gerhard Schmitz (Vorstandsmitglied des Continentale Versicherungsverbundes auf Gegenseitigkeit)
  • Podiumsdiskussion
    - Joachim Geiberger (Inhaber und Vorsitzender der Geschäftsführung der Unternehmensgruppe 
      MORGEN & MORGEN)
    - Dr. Marcus Kremer (Vorstandsmitglied des Continentale Versicherungsverbundes auf Gegenseitigkeit)
    - Tim Ockenga
    - Peter Przybilla (Geschäftsführender Gesellschafter von Hengstenberg & Partner, Sprecher des Fachausschusses
      PKV und Mitglied im Fachbeirat der Deutschen Maklerakademie)
    - Prof. Dr. Jürgen Wasem (Gesundheitsökonom der Universität Duisburg-Essen)
    - Dr. Reiner Will (Geschäftsführender Gesellschafter der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur)
     

Big Data: Die Kraft der Vernetzung

In einem mitreißenden Streifzug durch die jüngere Geschichte des World Wide Webs und anhand diverser Beispiele skizzierte der bekannte Blogger und Internetexperte Sascha Lobo die Mechanismen der digitalen Welt: Riesige Datenströme, produziert vor allem durch Smartphones und hunderte andere vernetzte Geräte, sammeln sich auf Plattformen von Google, Apple oder Facebook und werden zunehmend gebündelt.

Versicherer müssen die Auswirkungen kennen

Diese gesellschaftliche Veränderung müsse gesehen und ernst genommen werden – speziell von Versicherern und in der Gesundheitswirtschaft. Denn diese stehe vor einem „digitalen Tsunami“, sagt Sascha Lobo. Gesundheit sei, erklärt der Blogger, weltweit gesehen ein digitaler Lebensstil. Denn vom Abnehmen bis hin zur Analyse von Krankheiten teilten die Nutzer alles freiwillig über das Netz mit. Lobos eindringliche Botschaft: „Krankenversicherer müssen sich darauf einstellen, dass digitale Plattformen künftig über mehr Gesundheitsdaten verfügen als die Versicherer von ihren Kunden haben.“

Ein realistisches Szenario sei, dass beispielsweise Google PKV-Kunden selbst mit Versicherungen versorgen wolle und damit zum Marktteilnehmer werde. „Deshalb müssen Vermittler wie Unternehmen lernen, wie die digitale Welt funktioniert und vor allem die gesellschaftliche Diskussion mitbestimmen“, so der 40-Jährige.

Datensouveränität ist ein hohes Gut

Ein Appell, den der Vorstandsvorsitzender des Continentale Versicherungsverbundes Dr. Christoph Helmich ernst nahm – auch wenn er schon in der anschließenden Podiumsdiskussion deutlich machte:

„Aktuell gibt es keinen Beleg dafür, dass gesundheitsbewusstes Verhalten zu einer Kostensenkung führt. Aber nur dieser Aspekt ist relevant für die Beitragskalkulation. Wenn mir die Gesundheitsdaten der Kunden dabei nichts bringen, muss ich mich ethisch fragen, ob ich diese Daten sammeln sollte.“
Dr. Christoph Helmich

Einig war sich das Podium darin, dass Datensouveränität ein hohes Gut ist. Eine internationale Regulierung der digitalen Welt forderte Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery. Neue Technologien – speziell die der vernetzten Haushaltsgeräte – seien schon ab Werk zu reglementieren, meint der ehemalige Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung, Peter Schaar.

Ernüchternde Ausblicke für Kapitalanleger

„Meine nächsten Worte werden ernüchternd sein“, eröffnete Tim Ockenga seinen Impulsvortrag zum Nachmittagsthema Niedrigzinsphase. Der Leiter Kapitalanlagen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) betonte: „Trotz der Beruhigungsphase ist die Krise auf den Kapitalmärkten noch nicht ausgestanden.“ Grund dafür sei das massive Anleihenaufkauf-Programm der Europäischen Zentralbank, das sie noch mindestens ein Jahr fortführen wird. Die Kapitalmärkte seien hypernervös, verliefen heutzutage viel technischer und automatischer, was zu ständigen Schwankungen führe. Zudem mangele es an geeigneten Gegenmaßnahmen.

„Nach jetziger Sicht sehe ich keine nachhaltige Lösung, die zu einer Beendigung der Niedrigzinsphase führt. Es ist eine hochbrisante Situation für Kapitalmarktanleger. Notwendig sind ein langer Atem und ein gutes Asset Management.“
Tim Ockenga

Wie reagieren Versicherer auf die Herausforderung "Niedrigzinsen"?

Ein Fazit, dass auch Dr. Gerhard Schmitz, Kapitalanlage-Vorstand im Continentale Versicherungsverbund, im Interview mit Moderator Michael Opoczynski zog. Es komme auf gute Kapitalanlagestrategien an. Alle seien auf der Suche nach lukrativen und gleichzeitig sicheren Angeboten. Der Wettewerb sei hoch. Die Continentale verfüge über hochspezialisierte Asset Manager, die passende Angebote ausprüften und diese bewerteten.

Auswirkungen der Niedrigzinsphase auf Vertrieb und Kunden

Die abschließende Podiumsdiskussion gab Impulse für den PKV-Vertrieb in der Niedrigzinsphase. Einigkeit herrschte darüber, dass das Thema erklärt werden müsse. „Ein Großteil der Kunden weiß nicht, dass die Zinsen eine wichtige Rolle auch für die PKV spielen“, erklärt Dr. Marcus Kremer, Kranken-Vorstand bei der Continentale.

„Rechnungsgrundlagen, und damit unter anderem der Zins, sind ein anspruchsvolles kommunikatives Thema. Trotzdem müssen wir den Kunden ehrlich sagen, dass die Beiträge steigen werden.“
Dr. Marcus Kremer

Diesen Aussagen stimmte das Podium zu. Peter Przybilla, unter anderem Mitglied im Fachbeirat der Deutschen Maklerakademie, empfiehlt aus eigener Erfahrung: „Wer in diesen Zeiten mit der PKV erfolgreich sein will, muss ein dickes Fell haben, sich ständig weiterbilden und den Kunden über Risiken aufklären. Letztlich wird der Kunde dankbar sein, wenn er über Jahrzehnte offen und ehrlich beraten worden ist.“


Die PKV in der Niedrigzinsphase (136 KB)


Chancen der PKV in der Zukunft

Auch wenn die Niedrigzinsen die PKV ohne Frage vor Herausforderungen stellt, waren die Teilnehmer nicht gänzlich pessimistisch eingestellt. „Die Branche schlägt sich wacker“, so Joachim Geiberger, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. Er sieht die große Chance der PKV darin, die Qualität in den Vordergrund zu rücken.

„Die Gesellschaft nimmt wahr, dass die Leistungen in der GKV sinken. Liegt der Fokus auf der Leistung statt dem Beitrag, ist das ein Vorteil für die PKV. Denn hier sind die Leistungen garantiert.“
Joachim Geiberger