Schmusen oder Erwürgen

Ein lebhafter Schlagabtausch zwischen PKV- und GKV-Vertretern zeichnete die zweite Podiumsdiskussion aus.

Selten kam eine Diskussionsrunde so uneingeschränkt der Anweisung ihres Moderators nach: „Seien Sie lebhaft!" forderte Michael Opoczynski die Teilnehmer des zweiten Podiums auf - und vom Start weg stiegen die Vertreter von GKV und PKV zur Freude der Zuhörer temperamentvoll ins Thema ein: „Erfolgreich mit Zusatzversicherungen - auch in Zusammenhang mit gesetzlichen Krankenversicherungen", so lautete die Überschrift des Nachmittages, den Vorstandsmitglied Dr. Christoph Helmich mit einer prägnanten Rede eröffnete.

Kooperationen fallen beim Thema Beratung durch

Die Thesen, die er aufstellte, gefielen dem Vorstandsvorsitzenden der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, sichtlich nicht. Denn: Die Wahltarife der GKV seien speziell unter den Aspekten „Solidarität", „Nachhaltigkeit" und „Beratung" völlig ungeeignet, so Dr. Helmich. Und die Zusatzversicherungen, die in der bisherigen Kooperationsform über die gesetzlichen Kassen angeboten werden, scheiterten ebenfalls: „In der Frage der Beratung fallen diese Kooperationen glatt durch", urteilte Dr. Helmich unter dem Applaus der zuhörenden Vermittler. Gerade eine umfassende Beratung, die angesichts des großen Vorsorgebedarfs der Bevölkerung auch über die reine Gesundheitsvorsorge hinausgehen müsse, sei von den Kassen schlicht nicht zu leisten. Also: Wenn es denn eine für alle sinnvolle Kooperation zwischen der GKV und der PKV geben könne, dann „nur in Form einer echten Zusammenarbeit zwischen Krankenversicherer und Krankenkasse, wie sie unteranderem die Continentale mit der Continentale BKK praktiziert", so das Fazit von Dr. Helmich.

GKV reizt Spielräume aus

Es war fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass dies der GKV-Vertreter Wilfried Jacobs, der für sein Temperament bekannt ist, nicht kampflos hinnehmen würde. „Die Politik hat gewollt, dass die GKV mehr PKV-Elemente umsetzt und umgekehrt. Mehr Nähe ist also erwünscht. Und Nähe kann beides heißen: Schmusen oder Erwürgen", so Jacobs, der für seine unverblümten und humorigen Aussagen zwar wenig Zustimmung, aber viele Lacher erhielt. Die Sympathie der Vermittler konnte er dennoch nicht erringen, denn vor dem reinen PKV-Publikum blieben seine Thesen wenig überzeugend.
Unbeeindruckt von den inhaltlichen Argumenten, die ihm das Podium entgegenhielt, verfocht er die Haltung des Unternehmers, der alles tut, um seine Kasse weiter nach vorne zu bringen: „Ich befolge die gesetzlichen Rahmenbedingungen aufs Genaueste. Allerdings hat der Gesetzgeber viel Spielraum eingeräumt. Und den Spielraum, den ich habe, reize ich aus - damit er sich so weit wie eben möglich dehnt", brachte Jacobs seine Sicht der Dinge auf den Punkt.

Kein fairer Wettbewerb

„Mich macht das sehr besorgt", formulierte Podiumsteilnehmer Roland Roider seine Vorbehalte gegenüber den Jacobs‘schen Erläuterungen. „Die GKV sollte die medizinische Grundversorgung sicherstellen. Das, was jetzt passiert, geht weit darüber hinaus. Und dazu kommt: Dem wichtigen Ansatz der kompetenten Beratung der Bevölkerung wird das alles nicht gerecht", so der Vorstand der Maklerorganisation BCA, der sich deutlich für die von der Continentale praktizierte Form der Kooperation aussprach: „Ich schätze sehr, dass die Continentale diesen Weg geht, nur so ist vernetzte Beratung mit Qualität möglich. Das ist der richtige Weg - nicht der, bei dem jemand aus seinem Geschäftsmodell aussteigt und nicht richtig berät", betonte Roider unter dem Beifall der Zuhörer und setzte noch hinzu: „Das hat nichts mit fairem Wettbewerb zu tun."

Wahltarife mit Konstruktionsfehler

Auch aus wissenschaftlicher Sicht erhielt Dr. Helmich Zuspruch. „Die Wahltarife haben aus versicherungsökonomischer Sicht einen Konstruktionsfehler", bestätigte Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem. „In ihrer bisherigen Form laden sie tatsächlich zur Antiselektion ein. Denn wenn jeder Versicherte sich rational verhielte und seine Möglichkeiten ausnutzen würde, wäre das Modell nicht flugfähig", so Prof. Dr. Wasem weiter.

Politiker wollen mitmischen

Allerdings: Er gab der PKV der Zukunft auch eine Hausaufgabe auf. „In Hinblick auf die Steuerung der Patientenversorgung kann und muss die PKV von der GKV lernen", so der Wissenschaftler. Einen anderen Aspekt, dem sich die PKV-Verfechter nicht entziehen konnten, unterstrich Wirtschaftsjournalist Thomas Schmitt: „Tatsache ist, Kooperationen welcher Form auch immer werden sich sehr stark weiter ausbreiten. Denn die Politik will sie. Und die Politiker wollen noch etwas anderes: Sie wollen im Gesundheitswesen mitbestimmen und deshalb werden sie das weiterhin und noch stärker als bislang tun."

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