"Staat bietet nur Teilkasko-Schutz"

Beim Thema Pflege muss schnell etwas getan werden – sowohl bei den Versorgungsstrukturen als auch bei der Finanzierung: Bei der Podiumsdiskussion am Nachmittag wurden die Experten deutlich.

Ein erschreckend plastisches Bild zeichnete Prof. Dr. Bernd Hof bei seinem Eröffnungsvortrag zur zweiten Podiumsdiskussion: "2060 wird es so viele pflegebedürftige Menschen geben, wie derzeit in Berlin leben – 3,5 Millionen", machte der Demografieexperte deutlich. "Gleichzeitig wird es immer weniger junge Menschen geben, die die Pflege übernehmen." Das bedeute: In Zukunft werden die Menschen nicht mehr durch ihre eigenen Angehörigen gepflegt werden können - obwohl es das ist, was sie sich wünschen. Eine weitere Professionalisierung der Pflege sei somit unumgänglich, was allerdings zwei Probleme mit sich bringe, so Prof. Dr. Hof: "Wir brauchen vermehrt Arbeitskräfte in diesem Bereich. Und die müssen wir auch bezahlen können."

Diese Einschätzung teilte auch der Präsident des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus. Der Interessenvertreter der Beschäftigten im Pflegesektor ging aber noch weiter. "Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen jetzt handeln", sagte er mit Seitenhieb auf die Aussage von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr am Vormittag, dass die Reform der Pflegestufen noch um etwa zehn Monate aufgeschoben werden müsse. "Es kann doch nicht angehen, dass eine 80-jährige Dame im vierten Stock in Berlin dringend einen Pflegedienst sucht, aber keinen findet, um dann in ihrer Not irgendjemanden illegal zu beschäftigen", machte Westerfellhaus deutlich. Denn derzeit sei es noch immer so, dass sich viel mehr junge Menschen für eine Ausbildung in diesem Bereich interessieren würden, als es Plätze gäbe. "Und dann wandern auch noch ganze  Ausbildungsjahrgänge nach Skandinavien ab, weil dort die Rahmenbedingungen besser sind", beklagte er. Sein deutlicher Appell an die Diskutanten und die Gäste des PKV-Forums: "Helfen Sie uns dabei, dass die umfassend qualifizierten Pflegekräfte ihre Arbeit künftig wieder richtig machen können. Immerhin geht es dabei um ihre Kunden."

Weltweiter Kampf um Fachkräfte

Auf die Fachkräfte-Problematik ging auch Dr. Frank Wild, Projektleiter des Wissenschaftlichen Instituts der PKV, ein. "Es wird in Zukunft einen Kampf der Systeme um qualifiziertes Fachpersonal geben - europaweit, wenn nicht sogar weltweit. Zurückhaltung bei der Einwanderung von Fachkräften bringt uns da nicht weiter. Pflege hat in Deutschland bislang einfach einen zu niedrigen Stellenwert." Darüber hinaus gab Dr. Wild den deutlichen Hinweis an die Vermittler, die Pflegezusatzversicherung unter dem Blickwinkel des Vermögensschutzes zu verkaufen: „Die Menschen machen sich die meisten Sorgen darüber, dass sie ihr eigenes Vermögen oder das ihrer Angehörigen im Pflegefall angreifen müssen. Damit können Sie die Menschen ansprechen.“ Ein Hinweis, den Continentale-Vorstandsmitglied Dr. Christoph Helmich gerne aufnahm: „Es liegt jetzt auch an den Versicherern, die Vermittler bei diesem Thema stärker zu motivieren und ihnen entsprechend gute Tarife an die Hand zu geben.“

Die Leiterin der Abteilung Gesundheit des GKV-Spitzenverbandes,  Dr. Monika Kücking, sprach sich außerdem dafür aus, den Blick der Menschen zu weiten. "Es muss eine gesellschaftliche Diskussion darüber geben, wie viel Pflege wert ist." Dieser Aussage stimmte Dr. Sibylle Angele ebenfalls zu. Die Geschäftsführerin der Compass Private Pflegeberatung sagte: "Das Thema Pflege wird für die meisten erst interessant, wenn es wirklich ernst wird. Das muss überwunden werden." Zudem machte sie deutlich, dass die Menschen auch das notwendige Wissen über beide Säulen des Pflegesystems – nämlich über die Versorgungsstrukturen und das Finanzierungssystem - benötigen, um in diesem Lebensbereich wirklich Eigenverantwortung übernehmen zu können.

Thema muss Teil der Beratung sein

Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem konnte dem nur zustimmen, ging aber noch einen Schritt weiter: "Die Pflege hat nur dann eine gute Zukunft, wenn sowohl die Finanzierungs- als auch die Versorgungsproblematik zügig angegangen werden."

Noch mehr Zeit verstreichen lassen, bevor gehandelt wird, will auch Dr. Helmich nicht. Er appellierte deshalb an die Vermittler, das Thema jetzt als Teil ihrer verantwortlichen Beratung zu begreifen. "Es kann doch nicht angehen, dass zwar 12,5 Millionen Personen eine Zahnzusatzversicherung haben, aber nur 1,7 Millionen eine Pflegezusatzversicherung." Eine besonders geeignete Zielgruppe seien die 40- bis 55-Jährigen, die durch ihr eigenes Umfeld schon persönliche Erfahrungen mit der Pflege-Problematik gesammelt hätten. "Der Staat wird auch künftig nur einen Teilkasko-Schutz bieten. Es ist deshalb egal, wie Sie die Pflegezusatzversicherung bei Ihren Kunden ansprechen. Hauptsache ist, Sie sprechen sie überhaupt an. Immerhin wird dieser Schutz immer noch verkauft und nicht gekauft", brachte es Dr. Helmich auf den Punkt.

Zum Nachlesen:

Die Grundlagen zum Vortrag von Prof. Dr. Hof stellen wir Ihnen als PDF-Dokument zur Verfügung.

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