Dr. Suhr: "Wir benötigen eine Vorsorgekultur"

Wir leben in einer alten Gesellschaft“, so Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. „Wir haben schon heute 2,5 Millionen Pflegebedürftige, Tendenz steigend. Dies wird bis 2030 zu einem Mangel von etwa 500.000 Fachkräften führen“, skizzierte Suhr in seinem Vortrag ein düsteres Szenario für die Pflegelandschaft. Es gibt allerdings auch Lichtblicke.

„Wir sollten die vorhandenen Präventionsmaßnahmen ernst nehmen, um die Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder herauszuzögern“, mahnte Dr. Ralf Suhr die anwesenden Gäste auf dem 16. Continentale PKV-Forum. Die Unterstützung durch Technik sei ein Ansatzpunkt, etwa durch Gedächtnisspiele auf Tablets. „Studien belegen, dass 30 Prozent der Demenzerkrankungen verhinderbar wären“, so Suhr. Aber auch die Vorsorge in den eigenen vier Wänden sei durchaus ausbaufähig: Nur 5,2 Prozent der Seniorenhaushalte in Deutschland sind bezüglich Zugang und Wohnungsnutzung barrierefrei. „Hier müssen wir ein stärkeres Bewusstsein schaffen“, so sein Appell.

„Die Familie ist derzeit der Pflegedienst der Nation.“
Dr. Ralf Suhr

Denn 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause von der Familie gepflegt, zwei Drittel davon „komplett ohne fremde Unterstützung“, so Suhr. „Die Familie ist derzeit der Pflegedienst der Nation. Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege beurteilen jedoch nach einer Umfrage 80 Prozent mit eher schlecht oder sehr schlecht“, weshalb Suhr fordert: “Die ambulante Versorgung muss gestärkt werden, wir benötigen eine Vorsorgekultur.“

Pflegestärkungsgesetz bringt Verbesserungen

Durchaus positiv hat der Mediziner die Neuerungen aus dem Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) bewertet. „Der neue, ressourcenorientierte Pflegebedürftigkeitsbegriff ist ein Paradigmenwechsel“, erklärt Dr. Suhr. „Diesen richtig einzuschätzen, wird künftig maßgeblich sein.“ Gleichzeitig wird ein neues Begutachtungsverfahren eingeführt: Sechs Aspekte, wie etwa Mobilität, Selbstversorgung oder kognitive und kommunikative Fähigkeiten ergeben die Zuordnung in einen Pflegegrad. „Für die breite Mehrheit wird diese Weiterentwicklung Verbesserung bringen“, so Dr. Suhr.

Potenziale der Menschen unterstützen

Wohin auch immer die Pflege sich entwickeln wird, abschließend mahnte Dr. Suhr zu Bescheidenheit: „Wir müssen uns klar machen, dass wir nicht bis zum Lebensende ohne Hilfe auskommen werden. Daher sollten wir die pflegerische Versorgung so gestalten, dass sie die Potenziale der Menschen unterstützt. Sie soll nicht versuchen, einen Gesundheitsstatus ein Leben lang aufrechtzuerhalten.“